Grundlagen der Komposition: Wahrnehmen von Raum

Im vorherigen Artikel haben wir uns mit dem Rahmen und den Eigenschaften verschiedener Formate beschäftigt. Es gab ein Beispiel mit dem "fallenden" Kreis. Dieser Effekt beruht nicht nur auf der Wahl des Hochformates, sondern auch auf der besonderen Eigenschaft von "Unten" und "Oben". Die untere Kante des Rahmens wird automatisch als Unten angenommen und die obere dementsprechend als Oben.

 

Weißes Blatt und ein Strich, mehr ist hier nicht zu sehen. Jedoch tendieren wir irgendwie dazu den Strich als die Horizont-Linie zu interpretieren. Oder geht es nur mir so?

 

 

Hier wird der Effekt etwas deutlicher. Jetzt ist eindeutig klar: die Linie soll den Horizont, die Tischkante oder etwas in der Art darstellen. Wir wissen ganz genau, dass das Bild richtig rum ist und wo Unten und Oben sind.

 

 

Ändert sich die Wahrnehmung von Unten und Oben, wenn wir das Bild umdrehen?

Rein nach dem visuellen Empfinden hat sich gar nichts verändert. Unten ist immer noch das, was unter dem "Horizont" ist.  Vermutlich liegt es an der irreführenden Horizont-Linie.

 

Dann lassen wir die klare Linie mal weg. Wie sieht es jetzt aus?

Naja, ein dunkler Berg und heller Himmel, mit etwas Fantasie. Die untere Kante des Rahmens ist wieder der Boden.

 

Jetzt habe ich das Bild auf den Kopf gedreht. Der Berg ist jetzt also Oben und der weiße Himmel unten? Nein!

Der Berg ist jetzt WEISS und IMMER NOCH UNTEN! Der Himmel ist jetzt dafür dunkel.

Unsere visuelle Wahrnehmung scheint nicht so flexibel zu sein...

Durch bestimmte Anordnung von Elementen können die Illusion der Räumlichen Tiefe erzeugen. In diesem Fall wurde der Abstand der Linien zueinander immer verkleinert, das führt zur perspektivischen Wahrnehmung.

Zum Glück muss der Fotograf nicht selber die Illusion der Perspektive unter Einhaltung bestimmter Regeln malen. Das macht die Kamera automatisch, wenn man geeignete Motive, Licht und Brennweite wählt.

Wiederholung ähnlicher Motive im Raum (Rhythmus), Licht mit einem deutlichen Schattenwurf und eine nicht zu lange Brennweite wären zum Beispiel geeignete Zutaten für ein Foto mit räumlicher Wirkung.

Selfie by Sergej Kaminskas
Selfie by Sergej Kaminskas

 

 

Theorie ist gut, aber ein Bild ist besser! Diese Aufnahme ist ein Selfie von mir in Venedig. Hier findet gleich eine mehrfache Raum-Vortäuschung statt. Zuerst erscheint das Abbild im Spiegel räumlich und dann noch das Bild davon, obwohl alles in Wirklichkeit flach ist.

Das wird durch Kombination mehrerer Bildebenen, zusammenlaufender Linien der Pflastersteine und einen Hell-Dunkel Kontrast der Hauptformen erreict. Die Kenntnis über Größenordnung verschiedener Objekte und die visuelle Erfahrung verstärkt den Effekt zusätzlich.

Foto by René Burri
Foto by René Burri

 

Hier ist ein gutes Beispiel dafür wie man die in der Realität vorhandene Räumlichkeit umgehen kann. René Burri benutzt hier ein starkes Teleobjektiv, es minimiert das "Zusammenlaufen" der Straßenränder mit zunehmender Entfernung. Dadurch scheint die Straße nicht mehr in die Tiefe zu führen, sondern gerade nach oben. Der direkte Weg in den Himmel. Die Menschen auf der rechten Bildseite sind offenbar schon angekommen.

In den meisten Fällen sind wir jedoch daran interessiert, ein Foto räumlich aussehen zu lassen. Die Mechanismen dieser Täuschung versuchen wir jetzt etwas genauer anzuschauen.

Wir wissen ganz genau, dass ein Bild zweidimensional ist, es gibt aber einige "Indikatoren", die auf Räumlichkeit schließen lassen:

 

 

 

Einen waagerechten Strich nehmen wir in der Bildebene wahr, ganz ohne räumliche Wirkung.

 

 

 

Ist der Strich diagonal, so empfinden manche Menschen ihn in die Tiefe des Bildes verlaufend.

Sind zwei diagonale Striche auf dem Bild, so sehen es die meisten dreidimensional. Die Striche werden zu einem "Weg", der in die Bildtiefe führt.

Das Gehirn nimmt die Linien als in "Wirklichkeit" parallel an und konstruiert ein passendes dreidimensionales Modell für diese "Projektion" auf der Bildebene.

Das ist das Prinzip der Linearperspektive, das in der bildenden Kunst schon lange bekannt ist.

 

 

Sehen wir zwei ähnliche Objekte, die sich nur in ihrer Größe unterscheiden, so scheint das kleinere weiter hinten zu sein.

 

 

Sind die Objekte zusätzlich versetzt, so entsteht ein noch größerer Eindruck der Entfernung.

 

 

Sind die Objekte gleich groß, so scheint das dunklere näher zu sein.

 

 

Es können natürlich mehrere "Effekte" gleichzeitig angewandt werden, so wird die Wahrnehmung von Raum noch deutlicher.

 

 

Spätestens jetzt müsste jeder davon überzeugt sein, dass das weiße Quadrat weiter weg ist als das schwarze Quadrat.

 

 

Es geht aber noch mehr. Unschärfe deutet auf noch mehr Entfernung hin. Das entspricht auch unserer Alltagserfahrung. Das Auge kann unterschiedlich entfernte Objekte nicht gleich scharf sehen.

 

 

Das alles sind die Gesetze der Perspektive. Des Weiteren gibt es noch den "Effekt" der verblassenden Farbe mit zunehmender Entfernung. Das liegt an der immer dicker werdenden Luftschicht zwischen Betrachter und Objekt. Die Farbe werden wir  aber später extra behandeln.

 

 

An dieser Stelle noch ein letztes Beispiel wie die "Gesetze" der Perspektive unsere Wahrnehmung täuschen können.

Die Fähnchen sind alle gleich groß, scheinen aber nach Hinten hin immer größer zu werden.

 

 

Objekte, die sich gegenseitig verdecken, ist ein weiteres Merkmal der Räumlichkeit.

Hier nehmen wir automatisch einen Quadrat, einen Kreis und noch einen Quadrat wahr. Die Flächen scheinen auf einem unsichtbaren Boden zu stehen. Dabei scheint das erste Quadrat in der Bildebene zu liegen und die anderen Flächen in den tieferen Ebenen hintereinander zu sein.

 

Das gleiche Beispiel ein wenig anders. Hier scheinen die Flächen zu schweben und nicht auf dem Boden zu sein. Welche Fläche liegt nun in der Bildebene?

 

Das letzte Mittel der Räulichkeit im Bild ist der Schatten. Damit kann die Illusion der Dreidimensionalität sehr überzeugend erreicht werden.  Dabei muss die Lichtquelle selbst nicht notwendigerweise im Bild sein. Wir können ihre Position in der Regel sehr leicht identifizieren. (Das ist auch eine gute Übung für Fotografen: versucht die Lichtquelle auf den Bildern zu identifizieren, wenn ihr Arbeiten von anderen Fotografen anschaut und analysiert)

Das waren nun alle Prinzipien der Räumlichkeit, die uns zur Verfügung stehen. Man muss sie kennen, um gezielt den Eindruck der Tiefe zu verstärken oder aber um die Perspektive aus dem Bild zu entfernen. Des Weiteren lassen sich damit irreführende optische Täuschungen realisieren.

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