Grundlagen der Komposition: der Rahmen

In der Fotografie beginnt die Komposition bereits beim Rahmen oder dem Rand des Fotos. Denn das Motiv und alles drum herum muss in diesem Rahmen angeordnet werden. Der Fotograf muss vor dem Abdrücken entscheiden, welche Positionen die Elemente im Rahmen einnehmen werden. Diese Entscheidung macht er immer, ob bewusst oder nicht. Genauso wie man im manuellen Modus bewusst die Einstellungen macht, sollte man das bei der Komposition auch tun.

 

Wenn wir ein Motiv sehen, dann gibt es normalerweise keinen Rahmen, das Auge stellt uns keinen zur Verfügung. Das Motiv wird dann gerahmt, wenn wir es durch den Sucher (oder einen anderen Rahmen) anschauen. Das alleine kann schon die Wahrnehmung verändern. Die Elemente innerhalb des Rahmens interagieren nicht nur mit einander, sondern auch mit den Rändern und manchmal sogar mit den Elementen außerhalb.

Wie genau verändert sich denn die Wahrnehmung? Was passiert, wenn ein Motiv in einem Rahmen angeschaut wird? Die Antwort ist: jetzt nehmen das Gesehene als eine Art Bild wahr.

Bilder haben aber einige besondere Eigenschaften: sie zeigen sich selbst als zweidimensionale physikalische Objekte mit einer realen und deutlich definierten Größe, auf der anderen Seite zeigen sie aber auch eine völlig andere Welt, die eine ganz andere Größe und Dimension besitzt.

Außerdem haben wir im Laufe der Zeit einige Wahrnehmungsgewohnheiten für Bilder entwickelt.

Ein anderer Rahmen um das gleiche Motiv kann eine völlig neue Interpretation auslösen. Der schwarze Kreis scheint jetzt in Ruhe zu verharren, obwohl ein vertikaler Rahmen mehr Spannung erzeugt, als ein horizontaler.

 

 

 

Wie sieht es aber jetzt aus? Es wurde nur die Position des Kreises verändert und es entsteht eine ganz andere Wirkung. Der Kreis sieht aus, als würde er jeden Moment runterfallen. Er ist instabil, er scheint jede Menge potentielle Energie zu haben.

Es entsteht der Eindruck einer nach unten gerichteten Bewegung. Dieses "Bild" besitzt eine hohe Spannung, es ist sehr unruhig.

Es ist einleuchtend, dass die Wahl des Rahmens und dessen Position eine große Wirkung haben kann. In der Fotografie gibt es drei wesentliche Rahmen-Formate:

  • Vertikal: dynamisch, spannungsvoll
  • Horizontal: ruhig, ausgegliechen, erzählerisch, entspricht unserer Sehgewohnheit
  • Quadratisch: absolut gleichmäßig und symmetrisch

Je nach gewünschter Bildaussage und Motiv kann man sich für eines der Formate entscheiden. Die Wirkung kann im nachträglichen Bild-Schnitt zusätzlich verstärkt werden.

 

by Gennady Borisovich Bodrov, The Old Staircase, 1978
by Gennady Borisovich Bodrov, The Old Staircase, 1978

Dieses Foto von einem russischen Fotografen Genady Bodrov ist ein weiteres Beispiel für eine sehr gute Komposition. Die Wahl des Hochformates unterstützt die Dynamik des Balls, den das Mädchen fangen will.

Natürlich ist hier nicht nur die Wahl des Formates, sondern viele weitere Kompositionstechniken, auf die ich später eingehen werde, angewandt worden:

  • Der Rhythmus sich wiederholender Treppen und Bälle erzeugt einen Eindruck von Tiefe
  • Die Ähnlichkeit der runden Steine mit dem Ball und auch mit dem Kopf des Mädchens
  • Groß/Klein und Hell/Dunkel Kontraste

Zu der Interpretationsebene kommen einige Metaphern:

  • Die Treppe als ein langer Weg in die Ferne, aber auch nach Oben. Ein Weg, der mit jeder Stufe schwieriger wird (steigende Diagonale). Was kann das beduten?
  • Das Mädchen will den Ball fangen. Sie spielt, aber nicht nur mit dem Ball. Man sieht, dass sie leicht runterfallen kann.

Beim flüchtigen Betrachten der Aufnahme sieht es aus, als wäre der Fotograf "nur" zur richtigen Zeit am richtigen Ort. In Wirklichkeit war das viel mehr: die Wahl des richtigen Standpunktes, der richtigen Brennweite, des richtigen Moments (1978 gab es noch keinen Maschinengewähr-Modus).... In diesem kurzen Moment hat er sein Wissen über die Komposition und Bildsprache auf dieses Foto gebannt.

 

 

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