Komposition, Fotografie lernt von der Malerei

Fotografie ist eine sehr junge Kunst, noch nicht mal 200 Jahre alt. (Erstes Foto 1826) Aber in dieser kurzen Zeit hat sie eine rasante Entwicklung gemacht. Zuerst musste sie sich überhaupt als Kunst beweisen und zeigen, dass sie der Malerei in Nichts nachsteht. Es wurden Techniken und Aufnahmemethoden entwickelt, um den "malerischen" Effekt auf den Fotos zu erzeugen. Unschärfe, Farbverfälschungen und andere Effekte haben die Fotos "angenehm" für das Auge gemacht.

Bald das komplette Gegenteil: solche Effekte wurden als "Verkünstellung" und "Verhübschung" wahrgenommen und zumindest in der Reportagefotografie als unnötig angesehen.

Mit der Zeit wurde die Fotografie als Kunst anerkannt. Im XX Jahrhundert war sie die fortschritlichste Kunst überhaupt, von der selbst die Malerei lernte. (Fotorealismus z.B.) Heutzutage ist die Fotografie nicht mehr wegzudenken. Jeden Tag entstehen Milliarden von Fotos und werden im Netz hochgeladen.

Die Methoden der Fotoherstellung haben sich zwar geändert, aber das Endergebnis ist gleich geblieben. Am Ende entsteht immer ein zweidimensionales Bild, das dem Abbild der realen Welt sehr ähnelt, jedoch nicht dasselbe ist. Erstaunlich ist, dass einem Foto im Bezug auf die Realität immer mehr vertraut wird, als zum Beispiel einem Gemälde (sogar in Zeiten von Photoshop).

Aber auch in der Fotografie gibt es einen Raum für den kreativen Einfluss auf das Endergebniss, wo man künstlerisch und schöpferisch eingreifen kann.

Unabhängig davon, ob wir ein Foto vom Gemälde unterscheiden können oder nicht. Ob wir einem fotografischen Abbild die Objektivität zuschreiben oder nicht. In erster Linie bleibt das Endergebnis wie bei der Malerei eine zweidimensionalle Abbildung, die die gleiche "Trickkiste" für den Einfluss auf die Wahrnehmung des Betrachters besitzt, wie ein Gemälde.

Also kann man diese "Trickkiste" von den Malern übernehmen, denn sie haben sich schon Jahrtausende damit befasst. (Hier ein Tipp für diejenigen, die bessere Fotos machen wollen und in den Buchregalen nach Literatur suchen. Geht auch mal in die Kunstabteilung, statt Fotografieabteilung)

Dann machen wir die Kiste mal auf und holen als erstes die Komposition raus: ironischerweise schauen wir uns dafür das Portrait vom russischen Komponisten Igor Stravinsky an.

 

Igor Stravinsky, Russian Composer, Pianist and Conductor, 1946 Arnold Newman
Igor Stravinsky, Russian Composer, Pianist and Conductor, 1946 Arnold Newman

Nicht jedes Foto besitzt eine Komposition, denn nicht jeder Fotograf macht sich Gedanken über die Anordnung der Elemente und deren Beziehung zueinander. Er kann ja auch blind fotografieren. Wann kann man dann von einer Komposition sprechen? Die Antwort ist: immer dann, wenn der Fotograf sich Gedanken über die Anordnung  der einzelnen Elemente gemacht hat. Und wann ist das der Fall? Kann das nicht in jedem Foto so sein? Theoretisch kann natürlich jede, auch völlig zufällig erscheinende Anordnung, eine durchdachte Komposition sein. In manchen Fällen hat man aber nicht die geringsten Zweifel, dass die Anordnung kein Zufall ist. So ist es auch in diesem Portrait von Igor Stravinsky.

In deisem Foto "zwingt" Arnold Newman seinen Betrachter zu glauben, es sei Absicht. Man kann sich gar nicht vorstellen, dass der Art ungewöhnlicher und geometrischer Bildaufbau zufällig sein kann. Aber wenn etwas nicht zufällig ist, dann ist ja irgend ein Sinn dahinter. Warum genau so und nicht anders? Der Betrachter fängt an sich Fragen zu stellen, sich intensiver mit dem Bild auseinanderzusetzen, es zu interpretieren. Das ist eine gelungene Komposition, weil sie funktioniert. Aber warum?

Wir wollten ja von der Malerei lernen. Probieren wir das doch. Ein Maler beginnt seine Arbeit normalerweise mit den groben Formen der Objekte, bevor er ins Detail geht. Wir können umgekehrt dieses Portrait auf Formen reduzieren, um es besser analysieren zu können. In welcher Reihenfolge würde der Maler diese Formen aufs Blatt bringen?

Vielleicht ungefähr so:

Zuerst der Hintergrund, der auch schon aus zwei Formen besteht. Die Grenze verläuft in der Nähe des Goldenen Schnitts. Als nächstes vielleicht sein wichtigster Gegenstand. Der Größe nach zu urteilen ist das der Flügel:

Auf die Forrm reduziert erinnert hier der Flügel an eine musikalische Note. Das scheint ebenfalls kein Zufall zu sein. Die Form scheint hier aber etwas instabil. Es braucht noch etwas um sie zu stabilisieren:

Jetzt sind alle Teile des Flügels drauf. Die Hauptform hat eine Stütze bekommen. Das ganze Konstrukt sieht aber etwas fragil aus. Es fehlt noch etwas:

Jetzt ist es soweit. Der Komponist bildet mit seinen Umrissen dieses kleine Dreieck, welches der gesamten Form-Komposition mehr Stabilität und Ausgeglichenheit verleiht. Aber wie kann so ein kleines Detail plötzlich alles stabilisieren? Ist das die Tatsache, dass ein Dreieck, welches auf der Grundseite steht, Stabilität ausstrahlt? Ist das die rechte Seite des Dreiecks, die parallel zur Flügel-Diagonale verläuft und die Stütze im unteren Rand des Fotos "verankert" ? Es ist sicher auch kein Zufall, dass Igor Stravinsky seinen Kopf an der Linken Hand abstützt und dass sein Arm die "Flügel-Stütze" kreuzt.

Das war ein grober Blick auf die Komposition, die hier auf die Beziehung der einzelnen Formen reduziert werden kann. Jetzt können wir zurück zu dem Foto kommen. Den Formen ihre Bedeutung und den Kontext zurückgeben und versuchen dieses Portrait zu interpretieren.

Indem wir die Frage stellen: warum genau so und nicht anders? Ihr könnt ihre Gedanken dazu gerne in den Kommentaren mit mir teilen.Wer mehr an der Arbeit vom großen Fotografen Arnold Newman interessiert ist, hier ein paar gute Bücher dazu:

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